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Geschichten

Es gibt einiges zu erzählen – Schwarze-Tinte auf Papier
Es gibt einiges zu erzählen.
Hier zwei Geschichten:

Die erste:

Einst lebte eine Gabel namens Günther in der Besteckschublade einer sehr vergesslichen alten Dame. Günther war eifersüchtig auf den Löffel Ludwig, weil dieser jeden Tag Suppe löffeln durfte, während Günther nur gelegentlich in einen Salat pieksen durfte — und das auch nur, wenn kein Plastikbesteck zur Hand war.

Eines Tages beschloss Günther, auszuwandern und rollte sich nachts unter grosser Anstrengung aus der Schublade, fiel vom Tisch, landete auf dem Teppich … Und blieb dort drei Jahre liegen. Niemand bemerkte es. Schliesslich wurde er beim Frühjahrsputz gefunden und als „seltsamer silberner Staubfänger“ in den Müll geworfen.

Die zweite:

Der Kaktus Klaus stand seit Jahren auf einer Fensterbank in einem Büro, das niemand mehr benutzte. Er war sehr stolz auf seinen einzigen, leicht schiefen Stachel, den er „Horst“ nannte. Klaus glaubte fest daran, dass Horst magische Fähigkeiten hatte, weil er einmal eine Fliege vertrieben hatte – oder sie war einfach nur weggeflogen, aber das war für Klaus dasselbe.

Eines Tages fiel das Fenster plötzlich zu, ein Windstoss wirbelte Papier auf, und Klaus bekam für 0,3 Sekunden das Gefühl, wichtig zu sein. Danach passierte nie wieder etwas.

Er stand einfach weiter da. Still. Und stach niemanden.

20. Juli 2025
Kategorie: Schwarz · Skizze